Ein Ausflug in die Berge und andere Beispiele individueller Formen

von | Sep 3, 2017 | Erziehung, Familienleben

Als ich letzten Dienstag den Wetterbericht sah, war mir klar: Mittwoch wird der letzte wirkliche Sommertag der Saison in den Bergen sein! Ich liebe die Berge. In der Schweiz haben wir wunderschöne Berge. Sie sind das ganze Jahr eindrücklich und schön, aber im Sommer haben sie eine einzigartige Schönheit.
Schnell wusste ich, was ich am liebsten tun würde: Heute Abend in die Berge fahren, dort übernachten und den morgigen Tag dort verbringen.
Ich sah kein Problem darin, die Kinder für einen Tag aus Schule und Kindergarten zu nehmen, aber was wäre mit meinem viel beschäftigtem Mann Benny, der als Inhaber einer Autogarage immer viel zu tun hat?

Berge

Wisst ihr was?! Obwohl es gar nicht in seiner Persönlichkeit verankert ist, so schnelle, spontane Entscheidungen zu treffen, und schon gar nicht, einen Haufen Arbeit einfach liegen zu lassen, um in die Berge zu fahren willigte er ein, und Abends um 19:00 fuhren wir mit den Kindern in die Berge!

Als ich ihn fragte, wieso er dies tat, war seine bescheidene Antwort:
„Ich liebe dich. Ich liebe es auch, dich so glücklich und entspannt mit deiner Familie in den Bergen zu sehen. Du bist es mir wert, die ganze Arbeit und all die Dinge, die ich tun könnte, für diesen Tag auf die Seite zu legen, und mit dir und den Kindern in die Berge zu fahren.“
Diese Antwort beeindruckte mich zutiefst.
Eigentlich ist das genau die praktische Umsetzung der verschiedenen Formen, von der ich im letzten Artikel sprach.
Dies ist nun so ein praktisches Beispiel aus unserer Ehe.
Benny brauchte keinen Tag in den Bergen. Er ist eine eher logische Persönlichkeit, organisiert und pflichtbewusst, herausgefordert von solchen spontanen Entscheidungen, die ihn aus der täglichen Routine herausreißen.
Aber er kam mit, weil er wusste, was dies für mich bedeutet.

Berge
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Auf dieselbe Art und Weise versuchen wir, diese Haltung im Leben unserer Kinder anzuwenden.
Wir tun die Dinge die wir tun, nicht einfach, weil wir uns danach fühlen oder weil es der bequemste, billigste oder einfachste Weg ist. Sondern wir versuchen, sie in ihrer Persönlichkeit zu unterstützen und zu fördern.
Wir studieren unsere Kinder. Diese Entdeckungsreise fängt schon bei den Babys an: Wir wollen entdecken, welche Form sie haben (wenn Sie den letzten Artikel noch nicht gelesen haben, können sie dies hier tun). Wir sind bemüht, sie in ihrer Einzigartigkeit kennen zu lernen, zu entdecken, wer sie sind und was sie brauchen, damit sie ihre Stärken auf die beste Art und Weise ausleben können.
Bei uns gibt es kein Schema, keine Box und kein Kategorisieren unserer Kinder.
Wir haben jedes unserer Babys in unserer Familie aufgenommen. Wir waren neugierig und darauf gespannt, jedes einzelne unserer vier Kinder kennen zu lernen.

– Unser erstes Baby hatte eine innere Uhr, wenn es um die Nahrungsaufnahme ging. Er war pünktlich alle 2.5 Stunden bereit zum Trinken. Von selbst hielt er dieser Zeitplan die ersten Monate seines Lebens ein.
– Unser zweites Baby war ganz anders. Manchmal wollte sie nach zwei Stunden etwas trinken, manchmal nach fünf oder sieben. Schlussendlich musste ich ihr helfen, einen Rhythmus zu finden, indem ich ihr zu trinken gab, auch wenn sie noch gar kein Bedürfnis dafür zeigte.
Heute wissen wir, dass diese beiden Kinder so unterschiedlich sind, wie ihr Ernährungsverhalten.

– Wir hatten ein Baby/Kleinkind, das sich im Kinderwagen überfordert fühlte. Wir merkten schnell, dass es keine gute Idee war, mit ihm im Kinderwagen einkaufen zu gehen, oder an irgend einen anderen Ort zu gehen, an dem seine Sinne stark gereizt würden. Der Lärm, der Verkehr, die Lichter oder viele Leute; alles, was nicht einfach Natur war, überforderte ihn. So trugen wir ihn in einer Trage nahe bei uns auf dem Körper, bis er über ein Jahr alt war.
Als er älter wurde, begann er, perfekt damit umgehen zu können.

– Ein anderes Baby verhielt sich genau gegenteilig: Er liebte es im Kinderwagen. Er liebte es, zu beobachten, was um ihn herum vorging. Für ihn war es frustrierend, in einer Trage zu sein, wo seine Sicht über das Geschehene limitiert war. Er war nie überfordert.

Als wir so unsere Babys kennen lernten, passten wir unsere Maßnahmen an: Für das eine Baby brauchten wir nie einen Kinderwagen, sondern nur die Trage. Beim anderen Baby hatten wir immer einen Kinderwagen dabei.
Wir akzeptierten, dass jedes Baby seine einzigartigen Bedürfnisse hatte – auch wenn dies eine Einschränkung unseres Komforts bedeutete: Ein Kleinkind über das Alter von 12 Monaten hinaus in der Trage zu haben, war nicht immer bequem.

Wir lieben es, ihre einzigartige Persönlichkeit zu entdecken:

– Einer unserer Jungs ist sehr umgänglich. Er geht mit einer Souveränität durchs Leben, die uns immer wieder verblüfft. Sei es beim Eintritt in den Kindergarten, in der Schule oder im Umgang mit fremden Kindern… er geht mit einer sehr sanften, zuversichtlichen und selbstbewussten Art und Weise damit um. Erstaunlicherweise ist dies dasselbe Kind, das als Baby so schnell überfordert war.
Wenn er von einer Aktivität nach Hause kommt, so erzählt er mir nicht viel. Wenn ich ihn frage, wie es gewesen sei, was sie gemacht hätten, so antwortet er meistens: “sehr gut, aber ich weiß nicht mehr was wir genau gemacht haben“.
Er braucht Situationen, die ohne jeglichen Zeitdruck sind, in denen wir einfach mit ihm “sind” – wie wenn er zum Beispiel mit seinem Papi an ein Autorennen geht, und die beiden ein paar Stunden nur da sitzen und den Autos zuschauen. Dann beginnt er plötzlich zu erzählen, zu fragen und über Dinge zu reden, die ihn beschäftigen.
So wissen wir: Dieser Junge braucht solche Zeiten, um kommunizieren und ausdrücken zu können, was wirklich in ihm vorgeht. Wir planen bewusst solche entspannende Zeiten mit ihm, bei denen er die Gelegenheit findet, zu kommunizieren, was in ihm vorgeht.

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– Mit unserem Mädchen ist das ganz anders. Sie liebt Abenteuer, Erzählen, Singen und Lachen. Doch sie kann sich distanzieren und eine unabhängige Haltung einnehmen, wenn sie sich nicht verstanden oder geliebt fühlt.
Beziehungen und emotionale Nähe haben für sie einen hohen Stellenwert. Auch wenn sie dies nicht immer zeigt, schätzt sie emotionale Nähe sehr.
Wir sind uns bewusst, dass wir ihr Herz nur durch diese emotionale Nähe auch in den Teenager Jahre noch erreichen können. Nur mit dieser aufrecht erhaltenen Beziehung wird es möglich sein, uns in ihr Leben investieren zu dürfen. Ansonsten würden wir es schnell mit einem distanzierten und unabhängigen Mädchen zu tun haben.
Wir lieben sie in ihrer Einzigartigkeit, ihr extrovertiertes, kommunikatives Wesen. Wir wissen, dass es für sie von großer Bedeutung ist, ihren Emotionen Ausdruck verleihen zu dürfen, sich selber zu sein und unsere Liebe und Ankerkennung für wer sie ist zu erhalten. Dann – und nur dann – öffnet sie uns ihr Herz und wir dürfen in ihr Leben hinein reden. Dann dürfen wir sie lehren, mit ihren Gefühlen umzugehen und Erfolg im Leben zu haben – in dem sie sich selber ist, und dies auf eine reife, wunderbare Art und Weise.

 

Wie Sie sehen können, kann ich ihnen hier keine Schritt-für-Schritt Anleitung geben. Es gibt keine “3 Anwendungspunkte und dann haben Sie eine erfolgreiche Familie”.
Es geht viel mehr um eine Herzenshaltung, für die wir uns alle entscheiden können:
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– Wollen Sie ihr Kind wirklich kennen?
– Sind sie bereit, den einfachsten, billigsten und bequemsten Weg aufzugeben, um auf das einzugehen, was ihr Kind wirklich braucht?
– Können sie die Einstellung “so sollte es doch sein” ablegen und die echten Bedürfnisse ihres Partners und ihrer Kinder kennen lernen?
– Haben sie dieses Herz, zu sehen, wie jeder in ihrer Familie in seiner einzigartigen Form aufblüht?

.Dann gehen sie mit diesen Dingen im Herzen in ihren Tag hinein. Beobachten Sie ihre liebsten. Ideen, wie sie auf die Bedürfnisse und ihre Individualität eingehen können, werden sich präsentieren – und Sie werden ein großartiges Resultat Ihrer Investition sehen.

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