Wie man in einer konfliktvollen Beziehung mit den eigenen Eltern Ruhe findet

von | Jul 2, 2018 | Persönliches wachstum

Als ich mich neulich mit einer Freundin unterhielt, begannen wir, über unsere Eltern zu sprechen. Wir sprachen über die Herausforderung, uns unserer Realität zu stellen. Über diesen Wunsch nach einer guten, liebevollen Beziehung zu unseren Eltern. Und wie das in manchen Situationen fast unmöglich ist. Wie kann es möglich sein, Vater und Mutter zu ehren, in Frieden und Freiheit zu leben, wenn diese entscheidende Beziehung zu unseren eigenen Eltern nicht das ist, was wir uns wünschen würden?  Wie können wir ein gutes Beispiel für unsere Kinder sein, wenn diese Beziehung herausfordernd ist?

Beziehung
In diesem Beitrag möchte ich mit Ihnen teilen, was ich diesbezüglich gelernt habe. Auch wenn es viele verschiedene Ebenen zu berücksichtigen gibt, werde ich versuchen, sie auf fünf Punkte zu reduzieren. Natürlich gibt es noch viel mehr, aber ich hoffe, Ihnen eine Vorstellung vermitteln zu können, wie ich in diesem Bereich in eine Freiheit hineingewachsen bin.
Beziehung
  • Stellen Sie sich Ihrer Realität
    .
  • Für manche ist das ein wirklich schwieriger Punkt.Erstens kommt das davon, dass ein Kind, das in seiner Integrität verletzt ist, nicht sagen kann: “Ich bin verletzt durch das, was du mir angetan hast”. Die meisten Kinder gehen eher davon aus, dass sie selbst das Problem sind. Dass sie nicht liebenswert sind. Deshalb werden sie eher ihr Selbstwertgefühl verlieren und das Gefühl der Schuld auf sich nehmen, als die Fähigkeit zu haben, klar zu sehen, wo die Eltern ihnen Unrecht getan haben. 

    Zweitens kann die Realität unerträglich erscheinen. Wenn man mit diesen Leuten über ihre Kindheit spricht, verteidigen, minimieren und erklären sie, was passiert ist. Sie werden die Schuld auf sich nehmen. Dies, weil es für sie zu schwer ist, sich der Wahrscheinlichkeit zu stellen, dass ihre Eltern einfach nur sich selbst liebten. Sie fürchten, dass die daraus folgende Wahrheit sein wird:

  • “Du bist nicht liebenswert.”

  • Und das ist unerträglich.

Wir wiederholen oft Muster und Lebens-Entscheidungen, die unsere Eltern getroffen haben, wenn wir sie nicht erkennen..

  • Das Verständnis der Realität kommt in Schichten

     

  • Selbst für diejenigen, die gegen das Verhalten ihrer Eltern rebellierten, gibt es Schichten der Realität, die ihnen völlig verborgen bleiben. Wir wiederholen oft Muster und Lebens-Entscheidungen, die unsere Eltern getroffen haben, wenn wir sie nicht erkennen.
    .Erinnern Sie sich an Alexis? Nun. Jede einzelne Frau aus ihrer Familie hatte die gleiche Art von Mann gewählt, soweit sie es zurückverfolgen konnte. Ihre Mutter und Grossmutter hatten das. Sie selbst hatte es getan. Diese Art von Mann, der emotional nicht verfügbar war. Weder unterstützend noch fürsorglich. Ein guter Mann. Aber er verbreitet ein Leben lang eine depressive Stimmung in seinem Zuhause. Alexis stellte sich erst vor kurzem der Realität eines solchen Lebens…. als sie sich der Realität ihrer eigenen Ehe stellte.
  • Dies, als sie erkannte, dass sie versucht hatte, diese unterstützende, fürsorgliche, liebevolle Frau zu sein, um ihrem Mann zu helfen, durchs Leben zu kommen…. genau so wie es ihre Mutter ihr ganzes Leben lang als Beispiel gezeigt hatte.

    Man kann diese Begegnung mit der Realität mit einer Zwiebel vergleichen.
    Schichten des Verständnisses werden Schritt für Schritt abgelöst. Auf diese Weise werden Sie nicht überwältigt sein (auch wenn es sich manchmal so anfühlt), wenn Sie die ganze Offenbarung auf einmal haben. Und in der Gegenwart Gottes, in Seinem kraftvollen Frieden, können Sie Frieden, Trost, Liebe und Hilfe finden, um der Realität zu begegnen. Einige Lebenssituationen (wie die von Alexis, als sie diesen anderen Mann traf der all das war, was sie vermisste) oder andere wichtige Ereignisse (wie die Geburt, den Umzug von zu Hause weg, ein Kind zu haben, das einen durch sein Verhalten mit etwas konfrontiert) zwingen einen dazu, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Beziehung

Die Entscheidung, zu vergeben, ist entscheidend. Vergebung wird jedoch nicht dadurch erreicht, dass man das, was man durchgemacht hat, unterdrückt. Es geht nicht darum, den Täter zu entschuldigen. Es geht nicht darum, das Trauma zu erklären. Es geht darum, sich diesen Dingen zu stellen und mit genau diesem Hass ans Kreuz zu kommen, so verletzlich, schmerzhaft, stark und roh wie diese Gefühle sind.

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  • Vergebung ist eine Entscheidung – wie auch ein Prozess
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    Oft gibt es einen Druck zu vergeben, besonders unter Christen. “Du musst vergeben” werden Sie überall um dich herum hören. “Ich muss vergeben”…. Werden Sie selbst denken.

    Stimmt. Aber was machen Sie gleichzeitig mit all diesen Hassgefühlen? Mit all dieser Wut? Mit den tiefen Schmerzen?

    Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass diese Gefühle nicht “schlecht” sind. Sie sollten nicht durch den Glauben unterdrückt werden, dass man einfach vergeben muss.

    Die Konfrontation mit der inneren Realität dessen, was die Taten und Worte anderer Menschen Ihnen angetan haben, wird unweigerlich solche Gefühle hervorrufen. Und Gefühle allein sind nicht schlecht. Es ist viel wichtiger, was Sie mit ihnen machen.

    Sie haben Hassgefühle gegen Ihre Eltern? Lassen Sie sich dadurch nicht dazu verleiten sie töten. Das wäre falsch.

    Caroline Leaf erklärt in ihrem Buch “The perfect you“:

    “Indem wir nicht vergeben, bleiben wir in dessen Leben verwickelt, und alles, was sie sagen oder tun, ist so real, als ob sie uns noch in unserem Leben weh tun würden. Indem wir vergeben, lösen wir uns von der toxischen Situation, die wir erlebt haben, schützen unseren Geist und schaffen eine gesunde Verbindung, in der wir nicht mehr von den schlechten Entscheidungen dieser Person betroffen sind. Wir können die Ereignisse und Umstände des Lebens nicht kontrollieren, da jeder seine eigenen Entscheidungen treffen kann, auch wenn sie uns negativ beeinflussen. Wir können jedoch unsere Reaktionen auf die Ereignisse und Umstände des Lebens, durch die Entscheidungen, die wir treffen, kontrollieren.
    (Dr. Caroline Leaf, “The perfect you”, am Ende des 5. Kapitels, Unterkapitel “entanglement”.)

    Die Entscheidung, zu vergeben, ist entscheidend. Vergebung wird jedoch nicht dadurch erreicht, dass man das, was man durchgemacht hat, unterdrückt. Es geht nicht darum, den Täter zu entschuldigen. Es geht nicht darum, das Trauma zu erklären. Es geht darum, sich diesen Dingen zu stellen und mit genau diesem Hass ans Kreuz zu kommen, so verletzlich, schmerzhaft, stark und roh wie diese Gefühle sind.

    Das ist wahre Vergebung. Und wie ein Freund von mir in diesem Artikel erklärt: Vergebung war für ihn eine Schule. Ein Prozess zum Durchgehen.

Man kann das Banner eines Opfers und das des Sieges nicht gleichzeitig hochhalten.

  • Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Leben

    Caroline Leaf sagt dazu, wie oben zitierte: “Wir können die Ereignisse und Umstände des Lebens nicht kontrollieren, da jeder seine eigenen Entscheidungen treffen kann, auch wenn sie uns negativ beeinflussen. Wir können jedoch unsere Reaktionen auf die Ereignisse und Umstände des Lebens durch die Entscheidungen, die wir treffen, kontrollieren.”

    Kinder sind Opfer. Sie können sich nicht selbst verteidigen. Sie werden glauben, dass die Behandlung, die sie erhalten, daraus kommt, dass sie Schuld sind.

    Lange Zeit lebte ich als Opfer, auch als ich ein junger Erwachsener war. Ich hatte das Gefühl, dass es jeder im Leben besser machen würde als ich. Ich war ständig auf der Suche nach Hilfe, während ich mich als hilfloses Opfer präsentierte.

    Die Sache ist die: man kann das Banner eines Opfers und das des Sieges nicht gleichzeitig hochhalten.

    Heute habe ich immer noch Herausforderungen. Ich stelle mich Situationen, die anspruchsvoll sind. Ich habe Ängste und Unsicherheiten. Indem ich jedoch aufstehe, indem ich gebe, was ich habe, indem ich lerne zu sein, was ich bin, erlebe ich eine Freiheit und ein echtes Mitgefühl, eine Liebe zu denen um mich herum, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich kann Ihnen sagen, es ist ein guter Ort, zu sein. Aber es beginnt immer mit einer Entscheidung. Es ist immer ein Prozess.

Beziehung

Sie können niemandem helfen, ein Problem zu lösen, das der andere nicht sieht.

  • Versuchen Sie nicht, Ihre Eltern zu ändern – aber treten Sie für Ihre eigene Integrität ein.

    Ich war die Art von Kind, das seine Eltern in Frage stellte.

    Ich stellte ihre Entscheidungen in Frage, wie auch ihre Art, ihre Elternschaft zu leben, wie sie die Dinge taten.

    Was meine vier Geschwister als “normal” empfanden, lehnte ich ab.

    Ich erinnere mich an den Tag, an dem meine Geschwister am Muttertag ein Poster für meine Mutter schreiben wollten, um ihr zu sagen, wie eine fantastisch Mutter sie sei. Ich verweigerte.
    Ich sagte ihnen: „Ihr könnt das ohne mich machen.  Ich erlebe sie nicht als “Mutter” und schon gar nicht als eine “fantastische”. Ich glaube, eine Mutter zu sein, ist ganz etwas anderes.”

    Ich erinnere mich auch an den Tag, an dem mein Vater uns am Weihnachtsabend, in einem sinnlichen Moment um den Weihnachtsbaum herum sagte:  (die meisten von uns waren bereits Teenager oder junge Erwachsene): “Meine Kinder, ich bin so stolz auf euch. Ihr seid alle so gute Menschen geworden”. Ich erwiderte, voller Frust: “Nun, das ist sicher nicht wegen dir….” Mit diesen Worten brach ich den ganzen Sinnesmoment und meine Schwester schrieb mir danach: “Weisst du, wir lieben dich ja, aber bitte mach das uns nicht so schwer.” 

    Ich versuchte, mich für meine Integrität einzusetzen. Ich wollte kein Spiel spielen. Ich wollte “echt” sein. Ich wollte mit ihnen teilen, wer ich wirklich war und was ich sah. Ich war jedoch nicht in der Lage, mich auf eine diplomatische, distanzierte und emotionslose Weise auszudrücken.

    Ich sehnte mich nach Eltern, die sehen, was ich sah, die verstehen, was ich sagen wollte.

    Und ich gab mir grosse Mühe, aber das einzige Ergebnis war, dass ich das “schwarze Schaf”, der “Sündenbock” der Familie war.

    Die Sache ist die: Keine physische Distanz, kein Versuch, ein ehrliches Gespräch zu führen half, mich aus dieser Rolle zu befreien. Nicht einmal in dem Moment, als ich sie um Vergebung bat (sie glaubten nicht, dass ich mich verändert hatte). Der Versuch, ein gutes Mädchen zu sein, wenn ich sie besuchte, indem ich im Haushalt half oder den Esstisch abräumte, machte mich auch nicht frei. Ich hatte immer noch eine sehr schwierige Beziehung zu ihnen. Eine Beziehung, in der ich nicht die Freiheit hatte, dafür einzustehen, wer ich bin und was ich glaube.

    Sie können niemandem helfen, ein Problem zu lösen, das der andere nicht sieht.

    Heute habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen.

    Sehr gut bedeutet, keinen Streit mehr. Kein verletzendes Verhalten und keine verletzenden Worte mehr. Keine Schuldgefühle mehr. Keine schmerzhaften Erinnerungen mehr. Keine Tränen mehr darüber, dass ich diese liebevolle Beziehung einer Mutter/Vater in meinem Leben nicht habe. 

    Gleichzeitig gibt es auch keine intime Beziehung. Ich kann mein Herz nicht mit ihnen teilen. Es gibt viele Dinge, die sie nicht über mich und mein Leben wissen. Aber…. ich ging durch den Prozess, mich der Realität zu stellen. Die Realität, wie ihre Worte und Einstellungen mich verletzen. Das kam in Schichten. Zuerst die grossen Dinge. Wie ich mich abgelehnt fühlte. Wie ich dachte, dass sie sich nur um sich selbst kümmerten. Dann wurden mir die Dinge klar, die wir vermisst hatten, wie Familienferien. Wir waren kein einziges Mal zusammen in den Ferien.

    Heute erwarte ich nicht mehr von ihnen, dass sie das sind, was sie nicht sein können.

    Ich konnte die Erwartung loslassen, Eltern zu haben, die mich lieben und kennen, die mich tief lieben für das, was ich bin.

    Ich konnte mich von ihrem Umgang mit dem Leben trennen. Von ihren Erwartungen, die ich nicht erfüllen konnte. Von der Art und Weise, wie sie mich definierten. Ich kann heute das Gewicht ihrer eigenen Geschichte und wo sie im Leben stehen akzeptieren. Ich habe gelernt, sie als meine Eltern zu ehren, als die, die mich gezeugt haben.

    Kürzlich sprach ich mit meinem Vater über seine Kindheit. Er sagte mir: “Weisst du, meine Mutter war einzigartig, eine wunderbare Mutter.  Sie war so hingebungsvoll, sie gab alles für mich.” Nun, ich weiss, dass das nicht wirklich der Fall war. Aber ich sagte nichts, sondern nickte nur. Denn das ist seine Geschichte. So wie er es sieht. Sein Leben.

    Doch dann sagte er: “Du hattest auch die beste Mutter, die du haben konntest. Auch sie war sehr hingebungsvoll, liebevoll und fürsorglich.“

    Nun…. hier kam er in mein eigenes Leben, meine Erfahrung, meine Realität. 

    In der Vergangenheit hätte ich verletzt und emotional reagiert, basierend auf meiner Frustration und meinen Erinnerungen aus der Vergangenheit. Aber an diesem Tag konnte ich entspannt bleiben. Ich war innerlich frei von diesen emotionalen Reaktionen. Deshalb sagte ich in aller Ruhe zu ihm: “Ich finde es ja grossartig,  dass du deine Frau so ehrst. Aber weisst du, ich war es, die sie als Mutter erlebt hat. Du warst ihr Ehemann. Du kannst über deine Erfahrungen mit deiner eigenen Mutter sprechen. Und ich werde nicht versuchen, deine Sichtweise zu ändern. Aber du kannst meine Realität meiner Mutter nicht definieren. Er war sehr irritiert und fragte mich in einem alarmierenden Ton: “Also sagst du, dass deine Mutter keine gute Mutter war?”
    “Nun,” sagte ich, “Ich weiss nur, dass ich es nicht besser gemacht hätte, wenn ich so jung geheiratet hätte wie sie, eine solche Kindheit gehabt hätte wie sie.  Deshalb verstehe und respektiere ich ihren Weg, ihre Geschichte. Aber ich will sicher eine andere Mutter sein, als sie es war.” Mein Vater beliess es dann dabei und wir wechselten das Thema.

    Aber selbst wenn er wütend geworden wäre, musste ich mich für meine Integrität einsetzen.

    Ich konnte seine Art, seine persönliche Geschichte zu sehen, akzeptieren – auch wenn ich wusste, dass ich sie nicht so sehe. Ich akzeptierte seine Realität, wo er im Leben stand. Gleichzeitig setzte ich mich für meine Integrität, meine Geschichte, meine Erfahrung in dieser Angelegenheit ein, auf eine ehrenvolle, aber authentische Art und Weise.

    Das Durchlaufen des Prozesses hat mich freigemacht. Wie schon erwähnt, war das ein langjähriger Prozess. Bald werde ich vierzig Jahre alt sein – und ich begann diesen Prozess in meinen Teenagerjahren.

Aber es hat sich gelohnt. Jede Träne, jeder schwierige Moment hat sich gelohnt. Heute lebe ich in einer Freiheit und Leichtigkeit, die nur dadurch möglich geworden ist, weil vieles von dem, was mich negativ geprägt hatte, weg ist.

Mein Leben ist nicht die Frucht meines Versagens, meiner Fehler, und meiner Unwissenheit. Mein Leben ist aber auch nicht die Frucht dessen, wie andere mich missverstanden, abgelehnt oder etikettiert haben. Mein Leben, dort wo ich heute stehen darf, ist die Frucht der Liebe, Gnade und Grösse Gottes.

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