Sind wir die Manager oder die Stossdämpfer im Leben unserer Kinder?

von | Feb 12, 2018 | Erziehung, Familienleben

Jede Familie lebt in einer Gesellschaft, in einer Kultur, die ihre Werte, Normen und Forderungen hat. Als Eltern verspüren wir oft den Druck, Kinder zu haben, die diesen Forderungen angepasst sind, Kinder, die schnell, gescheit und belastbar sind.
Viele Male leben wir Eltern in der Versuchung, als ein Manager der Gesellschaft für unsere Kinder zu handeln.
Das bedeutet, dass wir, wie ein Manager einer berühmten Musikgruppe, das Leben unserer Kinder organisieren und managen, damit sie im Leben erfolgreich sein können.

Stossdämpfer

Wir machen das auf viele verschiedene Arten.

Für manche bedeutet das, dass sie dem Kind einen Fernseher in sein Zimmer stellen. Dem Kind ein Smartphone in die Hand drücken, damit es mit seinen Freunden in Kontakt bleiben kann. Sie ermöglichen dem Kind, dass es sich gemäss dem neusten Trend einkleiden kann. Dies einfach, weil sie wollen, dass ihr Kind in die Gesellschaft hineinpasst und von anderen akzeptiert wird.

Für einige bedeutet das, dass sie ihrem Kind beibringen, sich jeglicher Autorität unterzuordnen. Diese Art von Erziehungslehre ist sich sicher, dass der Wille eines Kindes gebrochen werden muss, damit es zu einem guten (und gottesfürchtigen) Bürger wird.

Für manche bedeutet das, die Kinder im Schulischen zu pushen, damit sie es in die Universität schaffen und „Jemand werden“.

Für manche bedeutet das, dass sie den Terminkalender ihrer Kinder mit Sporttraining, Musik- oder Tanzstunden usw. füllen und damit ihr Kind erfolgreich machen möchten.

Für manche bedeutet das, dass sie ihre Kinder noch so gerne in Kindertagesstätten, Lager, Sonntagsschulen, zu den Pfadfindern oder zu geplanten Aktivitäten für die Kinder auf einem Campingplatz schicken – und sich in diesen Zeiten von jeder Verantwortung als Eltern befreit fühlen. Sie haben das Gefühl, dass ihre Autorität von dem Moment an endet, an dem sich jemand anders in einem offiziellen Rahmen um das Kind kümmert.
Es ist etwas ganz anderes, wenn wir als Eltern sicher stellen, dass es unserem Kind an diesen Orten gut geht. Wenn wir uns vergewissern, ob wir mit den Dingen, die dort gelehrt und gemacht werden, auch einverstanden sind.
Ein Beispiel: wenn unsere Kinder zu anderen Kindern vom Dorf oder von der Schule spielen gehen, stelle ich als Mutter sicher, dass der Fernseher nicht läuft, während mein Kind dort ist. Auch kommuniziere ich klar, dass ich nicht möchte, dass Video-Games gespielt werden. Als Familie sind wir sehr wählerisch, welchen Filmen/Games wir unsere Kinder aussetzen. Dies trifft auch zu, wenn sie ausser Hause sind.

Ein Manager unserer Kinder zu sein bedeutet, dass wir versuchen, unsere Kinder in die Normen, Forderungen und Erwartungen unserer Gesellschaft und Kultur zu integrieren. Wie in den obigen Beispielen ersichtlich, ist das Herz eines Elternteils immer, seine Kinder zum Erfolg zu führen. Der grosse Unterschied hier ist, was sie unter diesem Wort „Erfolg“ definieren.
Diese Einstellung eines „Managers“ beginnt schon in kleinen Situationen und manchmal falle auch ich hinein.

Letzte Woche verbrachten wir einige Tage bei meinen Eltern. Sie wohnen in der Nähe der Berge und wir wollten unseren Kinder ermöglichen, das erste Mal auf den Skiern zu stehen und das Winterwunderland zu geniessen, ohne jedes Mal ein paar Stunden fahren zu müssen.
Eines Abends kamen wir nach einem Tag im Schnee zurück. Wir hatten wunderschönes Wetter gehabt, eine tolle Zeit und jeder ausser unserem Kleinsten hatte sich in der Kunst des Skifahrens versucht. Jetzt war unser Vierjähriger erschöpft und hungrig. Er war gerade aufgewacht von seinem Nickerchen auf der Heimfahrt und weinte.

Stossdämpfer

Nun, wir waren ja bei meinen Eltern zu Hause und ich kenne meinen Vater und weiss, dass er es gern ruhig hat. Weinende Kinder ermüden und irritieren ihn. In meiner Liebe verstand ich meinen kleinen Jungen und normalerweise hätte ich ihn einfach umarmt und ihm mein Verständnis und meine Fürsorge gezeigt. Weil ich jedoch fühlte, dass mein Vater langsam ungeduldig und irritiert wurde, versuchte ich meinen Jungen so schnell wie möglich zu beruhigen. Das war keine leichte Aufgabe und ich wurde ungeduldig mit ihm.
Ich fühlte mich unter Druck gesetzt von dem, was ich von meinem Vater wusste. Zum Glück war mir aber auch bewusst, warum ich so ungeduldig wurde. Schlussendlich konnte ich meinen Sohn mit einer Tasse heisser Schokolade und einer warmen Decke beruhigen.

Nach meiner Beobachtung existiert dieser Druck überall. Druck, Kinder zu haben, die sich benehmen. Druck, Kinder zu haben, die in die Norm passen.
Allzu oft sagen uns die Forderungen unserer Gesellschaft und unserer Kultur laut und klar, was wir als „Manager“ unserer Kinder tun sollen.
Wie können wir in diesem Druck bestehen? Wie können wir diesen Druck überwinden, der Manager der Gesellschaft für unsere Kinder zu sein?

Jean Jaques Rousseau sagte, dass:
„Eine der wichtigsten Aufgaben der Eltern darin besteht, als Stossdämpfer zwischen dem Kind und der Gesellschaft zu fungieren“.

Dieser Satz hat mir sehr geholfen, zu verstehen, wie ich für meine Kinder einstehen kann. Es hat mir geholfen, nicht der Manager unserer Gesellschaft zu sein, meine Kindern nicht auf einem Silber- Tablett zu servieren, damit sie sich in jede Philosophie oder kulturelle Norm einfügen, die zu dieser Zeit in unserer Kultur als „normal“ angesehen wird.
Es ist nicht unsere Aufgabe, Manager zu sein … sondern Stossdämpfer.
Die Stossdämpfer in einem Auto dienen als Schutz vor Stössen und heftigen Schlägen der Strasse. Eine Fahrt in einem Auto auf einer holprigen Strasse ohne diese Stossdämpfer wird eine sehr unangenehme, ja sogar schmerzhafte Fahrt sein.
Stossdämpfer im Leben unserer Kinder zu sein, bedeutet, als Schutz zu dienen, als einen Dämpfer all dieser Dinge, die unsere Gesellschaft auf sie werfen will.

In diesem Artikel habe ich beschrieben, wie mein Mädchen auf dem Heimweg vom Kindergarten eine Herausforderung hatte und wie ich als Mutter darauf reagierte. Als ich einer der Lehrerinnen erzählte, was ich tat, sagte sie zu mir: Weisst du, dein Kind muss lernen, mit solchen Dingen umzugehen. Meine Antwort war: Ja, sie muss es lernen. Aber im Moment weiss ich, dass ihre Art, damit umzugehen, darin besteht, sich mit diesem Mädchen anzufreunden, indem sie gemein zu anderen Kindern ist. Das sagt mir, dass sie noch nicht bereit ist, mit dieser Situation fertig zu werden. Eines Tages wird sie es sein. Aber für den Moment werde ich sie jeden Tag begleiten.

Wir sind die Eltern. Wir kennen unser Kind. Unsere Aufgabe als Eltern ist nicht, ihr Manager zu sein. Vielmehr müssen wir in unserer geschäftigen, fordernden Gesellschaft Zeit für sie finden. Wir müssen Zeiten finden, in denen wir uns ihnen mit ungeteilter Aufmerksamkeit widmen – dies zu keinem anderen Zweck, als um ihre Herzen zu erreichen und ihnen zu zeigen, dass sie von uns bedingungslos geliebt sind. Sie brauchen diese Zeiten erfüllender Verbindung am Morgen, bevor sie zur Schule gehen. Sie brauchen diese Zeiten nach der Schule, wenn sie nach Hause kommen. Sie brauchen diese Zeiten bei Familienmahlzeiten und in besonderen Familienzeiten. Sie brauchen diese Momente, bevor sie zu Bett gehen.

Stossdämpfer

Unsere Aufgabe ist es, ihnen den Tag hindurch tausend kleine Einladungen zukommen zu lassen, in unserer Gegenwart zu gedeihen.

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