Das befreite Gewissen … Gedanken zu einem besuchten Vortrag über Erziehung, gehalten von Heinz Etter

von | Okt 29, 2018 | Erziehung, Persönliches wachstum |

Ich liebe es, Vorträge über Erziehung zu besuchen.

Umso mehr, wenn sie von Heinz Etter gehalten werden.

Seine Art, Kinder zu verstehen, seine Weisheit, Familien zu helfen, seine Fähigkeit, eine Lösung vorzuschlagen, die eine Familie verwandelt, sind einzigartig für ihn.
Erinnern Sie sich an Maria? Sie war in einer ziemlich hoffnungslosen Situation mit ihrem Mädchen, das nie ihre Anweisungen befolgend, ständig eine provozierende Haltung einnahm und zu jeder Gelegenheit widersprach.
Es war erstaunlich zu sehen, wie Heinz Etter die Situation sofort verstand und Maria praktische Richtlinien und Erkenntnisse gab, die für sie sehr einleuchtend waren. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich die ganze Situation danach veränderte.

Gewissen

Aber zurück zum Vortrag, den er diesen Mittwoch hielt.

Der Titel war “das befreite Gewissen”. Ich hatte mich gefragt, was ich von einem solchen Titel erwarten könnte.
In diesem Artikel werde ich versuchen, in einer Zusammenfassung zu beschreiben, was ich davon mit nahm.

Alle Eltern möchten ein “moralisches Kind” grossziehen. Einen ehrenwerten Bürger. Einen Erwachsenen mit einem Gewissen, das ihn davon abhält, kriminell zu handeln – aber noch grundlegender, einen Erwachsenen, der sich an unserem moralischen Kompass orientiert.

Es gilt in vielen Kreisen als gesetzt, dass in uns Menschen nichts Gutes ist.

Und wenn doch, dann eher in uns Erwachsenen.

Das Bestreben sollte es daher sein, das Gewissen des Kindes so zu gestalten, dass es sich als Erwachsener von bösen Taten fernhält.

Das ist der Grund, warum wir Bestrafung als pädagogisches Konzept haben.

Wir denken, dass, wenn wir jemanden bestrafen, er sich nachher besser verhalten wird – und deshalb loben wir unsere Kinder für ihr korrektes Verhalten. Wir sind der Meinung, dass dies der richtige Weg ist, um moralisch korrekte Bürger heranzuziehen.

Nach diesen wenigen Aussagen hielt Heinz Etter inne und fragte: 

” Haben SIE ein gutes Gewissen?“ 

Er sprach darüber, wie wir als Erwachsene auf unterschiedliche Weise unser Gewissen “managen”:

  • Wir legen uns unser Handeln zurecht: Wir distanzieren uns emotional von Menschen, die wir schlecht behandeln (Distanz, Rasse, Alter….). Zum Beispiel sind wir ungerührt vom Anblick des Bettlers, an dem wir gerade vorbeigegangen sind.
  • Wir vergleichen uns mit anderen (“im Vergleich zu meinem Mitmenschen, bin ich ein anständiger Mensch.”)
  • Wir stellen uns selber gut und die Konkurrenten tendenziell schlecht dar.
  • Er erinnerte uns an die Male, in denen wir den Leuten, die wir zu uns nach Hause eingeladen hatten, vorwarnten, dass es nicht wirklich sauber und ordentlich bei uns sei – oder wie wir unseren Gästen sagten, dass wir nicht die besten Köche sind, bevor wir ihnen das Essen servierten.

Man konnte das verlegene Lachen des Publikums hören.

Er fuhr fort:

Sehen Sie, viele Leute kritisieren sich selbst. Sie tun das, weil sie wirklich so über sich selbst denken. Es ist aber auch ein Weg, das Gefühl zu vermeiden, von anderen verurteilt zu werden, ein Weg, sein schlechtes Gewissen zu erleichtern und ein “Downgraden” der Erwartungen, die andere an sie haben könnten.  

Er sprach über diese gewisse Unruhe, diese innere Spannung; über diese latente Angst, etwas falsch zu machen, beschämt zu werden, abgelehnt oder missachtet zu werden, so wie sie fast bei allen Menschen vorhanden ist.

Wieder ging ein Flüstern durch die Reihen.
Man konnte spüren, dass die meisten von uns genau wussten, wovon er sprach.

Er erklärte, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Gewissen gibt:

Eines ist geprägt und genährt durch die Abwehr von schlechten Gefühlen. Es klagt uns an und lenkt manchmal unser Verhalten zum „Guten“, oft aber löst es einen diffusen Druck und eine innere Spannung aus. Das Gewissen meldet sich als Ankläger.

Dann gibt es ein “befreites Gewissen”:

Ein befreites Gewissen ist eines, das aus der Liebe genährt wird. Es geht einher mit Empathie. Es heisst auch Verantwortungsgefühl, Fürsorglichkeit und BAMRHERZIGKEIT.

Wie gelangen wir also mit unseren eigenen Kindern dorthin? 

Nun…. alles, was wir wollen, ist, Kinder aufzuziehen, die nicht lügen, einem anderen Kind nicht einfach etwas wegreissen (eine Form des Diebstahls); wir wollen, dass unsere Kinder mit Empathie reagieren, Kinder, die mit anderen teilen.
Wir wollen keine Kinder, die Gewalt im Umgang mit anderen anwenden. 

Nun, wenn unser Kind diese Dinge tut, schimpfen oder bestrafen wir dieses Kind; vielleicht beschämen wir es sogar und sagen ihm:

“Schäme dich! Da hat Jesus sicher keine Freude!”

Warum? Nun, wir wollen unsere Kinder lehren, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Wir möchten ihr Gewissen formen.

Wir wollen bei unseren Kindern ein Gewissen schaffen, das sie in Zukunft daran hindert, so etwas zu tun.

Was ist das Problem mit diesem Ansatz?

 Heinz Etter beschrieb anhand vieler Beispiele die Wirkung unserer Antwort auf das Leben unserer Kinder. Da es den Inhalt dieses Artikels überschreitet, werde ich in diesem Artikel nur eines dieser Beispiele verwenden, um Ihnen eine Idee zu geben, wovon er sprach:

Gewissen

Leo (4) nimmt das Spielzeugauto von Anna (3) weg.

Anna weint.

Gewissen

Ich als Mutter komme in die Situation hinein und möchte, dass mein Kind versteht, dass wir das Eigentum des anderen respektieren. (Du sollst nicht stehlen!)

Deshalb schimpfe ich mit Leo:

“Das ist gemein, sowas macht man nicht. Gib es ihr zurück, sofort!” 

Wie erlebt Leo diese ganze Situation?

Nun, die Realität von Leo, diesem vierjährigen Kind, ist es einfach:

“Es ist nicht fair, wenn Anna ein Spielzeugauto hat und ich nicht! Also stelle ich Gerechtigkeit her, indem ich es nehme, und alles ist wieder in Ordnung.”

Oder vielleicht sogar:

 “Anna hat dieses Auto schon lange. Das ist unfair. Jetzt bin ich an der Reihe, dieses Auto zu haben”. 

So denkt ein kleines Kind. Sein Gehirn ist noch nicht voll entwickelt. Es plant seine Handlungen nicht vorher, es ist nicht in der Lage, alle Folgen seiner Handlungen zu berücksichtigen. Es hat noch nicht die Fähigkeit, “emphatisch” zu sein – das kommt erst mit 7 Jahren.

(Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und verstehen. )

Das Gleiche gilt, wenn Leo die Körperkraft benutzt, um dieses Auto zu bekommen:

“Gewalt ist nie in Ordnung”, möchte ich vielleicht meinem Kind beibringen.

Deshalb schimpfe ich mit Leo:

“Leo, in unserer Familie schlagen wir uns nicht! Hör sofort damit auf, es tut deiner kleinen Schwester weh! Du bist ein böser Junge!” 

Nun, was passiert mit dem Gewissen eines Kindes, wenn wir versuchen, sein Gewissen so zu gestalten? Was passiert genau mit diesem Gewissen, welches wir eigentlich in unserem Kind als moralischen Kompass formen wollen, welches es dazu bringen soll, das Gute zu wählen und vom Schlechten abzuschrecken, wenn es heranwächst?

Nun: In beiden Beispielen beschämen wir das Kind für seine spontane Reaktion auf eine Situation. Wir vermitteln dem Kind ein Lebensgefühl, das ihm sagt:

“Wenn du das tust,  was dir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit dir”.

 Was wäre in einer solchen Situation eine konstruktivere Vorgehensweise gewesen?

 

Gewissen

Im ersten Beispiel könnten wir die Szene betreten und beobachten, wie Anna weint:

“Ich will mein Auto zurück!”

Leo: “Nein, ich will es jetzt, du hast es schon lange gehabt!”

Gewissen

Mama: “Oh, Leo, du möchtest gerne Annas Auto? Und Anna?“

Leo: “Ah, sicher, Anna will es auch, aber…. Anna, kann ich das Auto haben?”

Ein mögliches Ende dieser Geschichte wäre, dass Anna mit

“ja” antwortet…. oder ” du kannst dieses andere Auto haben!”………

Im zweiten Beispiel, wo Leo Gewalt  benutzte, um das Auto von Anna wegzunehmen, könnten wir die Szene betreten und Leo sagen:

“Wow, Leo, ich sehe du bist ganz fest wütend. Nun, schlagen ist ok, aber lieber an einen anderen Ort als auf Anna… Schau mal, Anna ist traurig… “

Kinder zu beschämen, weil sie Gewalt angewendet haben, ist viel schlimmer als die blosse Tatsache, dass sie Gewalt angewendet haben.

Vierjährige Kinder haben keine andere Möglichkeit, sich durchzusetzen, als körperlichen Einsatz. Es fehlt ihnen an Empathie. Deswegen sollen sie sich aber nicht falsch fühlen.

Und weil Sie Leo nicht beschämt haben, so zu fühlen, wie er es tat, wird er viel eher offen sein, Mitgefühl mit seiner kleinen weinenden Schwester zu haben, sie vielleicht sogar zu trösten – und Sie können ihm die Qualität von Erbarmen vermitteln. Seien Sie nicht überrascht, Kinder können ihren emotionalen Zustand von einem Moment auf den anderen ändern.

Darüber hinaus wird Leo viel eher offen sein, wenn Sie ihm zeigen wollen, wie er mit seiner Wut auf andere Weise umgehen soll, als seine kleine Schwester zu schlagen.

Heinz Etters Unterricht war voll von Einsichten, Wissen und Humor.  Oft lachte das Publikum, als er Alltagssituationen einer  normalen Familien rezitierte. Wir konnten uns mit dem, was er sagte, identifizieren, sowohl mit der Art und Weise, wie wir reagieren, als auch mit der Reaktion unserer Kinder.

Im nächsten Artikel werde ich mehr über die letzten Gedanken dieses Vortrags erzählen: sowohl wie wir dieses latente schlechte Gewissen loswerden können, als auch mit einigen weiteren Beispielen, wie wir das Gewissen unsere Kinder formen können ohne sie zu beschämen, ohne ihnen dieses Lebensgefühl mit ins Leben zu geben: “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit mir”.

Es gibt die Art von Gewissen das geprägt und genährt wird durch die Abwehr von schlechten Gefühlen. Es klagt uns an und lenkt manchmal unser Verhalten zum „Guten. Oft aber löst es einen diffusen Druck und eine innere Spannung aus. Das Gewissen meldet sich als Ankläger.

Das Endziel wäre jedoch ein befreites Gewissen.

Ein befreites Gewissen ist eines, das aus der Liebe genährt wird. Es geht einher mit der Empathie. Es heisst auch Verantwortungsgefühl, Fürsorglichkeit und BARMHERZIGKEIT.

Gewissen

Der ganze Vortrag ist hier auf DVD erhältlich.

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