Funktionale Familien vs. dysfunktionale Familien – einen Überblick

von | Jun 4, 2018 | Erziehung, Familienleben

Wenn ich nach meiner Kindheit gefragt werde, antworte ich meistens: “Nun, meine Familie war ziemlich dysfunktional.“ Einige wohlmeinende Leute könnten sagen: „Na ja, keine Familie ist perfekt!“
Natürlich.
Es gibt jedoch durchaus Möglichkeiten, festzustellen, ob eine Familie gesund (funktionell) – oder ungesund (dysfunktional) ist.

functional
Für mich war die Familie schon immer etwas von grosser Bedeutung. Zu erfahren, wie Familienmuster ein Fundament im Leben der Kinder legen, wie Familien mit ungesunden Mustern das Wachstum, die Reife und den Erfolg eines Kindes untergraben – hat die Art und Weise stark beeinflusst, wie ich Zeit und Aufwand investiere, um zu verstehen, wie wir eine gesunde Familie schaffen können,. Das Verständnis dieser Konzepte wird es uns ermöglichen, einen gesunden Boden im Leben eines Kindes zu etablieren, aus dem es ein reifer Erwachsener werden kann, der zu gesunden Beziehungen und klugen Entscheidungen fähig ist.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was die Worte „funktional und dysfunktional“ bedeuten, stellen Sie sich ein Auto vor.
Wenn mein Auto nicht in perfektem Zustand ist, etwas Rost und ein paar Beulen hat … Ist dies noch keinen Grund, dass es mich nicht sicher von Punkt A nach Punkt B bringen kann.

Eine dysfunktionale Familie hingegen ist wie ein Auto, das überhaupt nicht funktioniert. Auch wenn es ein Auto zu sein scheint – eine Metallbox auf vier Rädern, mit einem Motor und einem Lenkrad – wird dieses Auto nicht in der Lage sein, mich von Punkt A nach Punkt B zu bringen.
Es ist dasselbe mit einer Familie. Eine Familie wird nie perfekt sein – aber diese Beulen und der Rost, welche selbst die am besten funktionierende Familie haben kann, werden nichts daran ändern, dass sie immer noch voll funktionsfähig ist. Die Beulen und Roststellen lassen sich sogar mit geringem Aufwand beheben.
Ich glaube, der Unterschied zwischen einer gesunden und einer ungesunden Familie zu erkennen, ist von grosser Wichtigkeit.
Denn leider stammen die meisten Menschen, die ich kenne, nicht aus einer gesunden, voll funktionalen Familie.
Ich auch nicht. Das hat mir den Ansporn gegeben, mich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Ich wollte den Unterschied verstehen, wollte lernen, wie ich das Muster durchbrechen kann, wie ich etwas anderes schaffen kann als das, was ich erlebt habe.

Damit Sie ein wenig ins Thema eintauchen können, habe ich 11 Fragen zum Thema «Familiendynamik» für Sie vorbereitet. Diese Fragen beziehen sich auf die Erfahrung ihrer Kindheit – sie sind aber auch anwendbar für ihre aktuelle Familie – und sogar ihre weiteren Kreise, die für sie Familie sind, sei es der Freundeskreis, ihre Gemeinde oder ihr Arbeitsplatz.

  • (1) Hat Ihre Familiendynamik zu liebevolleren Beziehungen innerhalb der Familie geführt oder hat sie zu verletzenden Gefühlen und Feindseligkeiten oder Ablehnung geführt?

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    (2) Hat Ihre Familiendynamik zu tiefen, ehrlichen Diskussionen zwischen den Familienmitgliedern geführt oder hat sie dazu geführt, dass Familienmitglieder nicht bereit waren, Ihre tiefen Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Träume zu äussern?

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    (3) Hat Ihre Familiendynamik dazu geführt, dass sich Familienmitglieder sicher und geborgen fühlen, oder hat sie dazu geführt, dass sich Familienmitglieder unsicher und ängstlich fühlen?

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    (4) Hat Ihre Familiendynamik dazu geführt, dass sich Familienmitglieder unter Druck gesetzt fühlten, Ihren Wert zu beweisen, oder wurden sie akzeptiert und geschätzt für wer sie sind?

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    (5) Hat Ihre Familiendynamik Familienmitglieder dazu veranlasst, Verantwortung zu übernehmen oder vielmehr Verantwortung zu vermeiden (um Konflikte oder andere schwierige Reaktionen zu vermeiden)?

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    (6) Hat Ihre Familiendynamik Familienmitglieder verwundet oder aufgebaut und gefördert?

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    (7) Hat Ihre Familiendynamik die Konflikte in einer Weise gelöst, welche die Interessen beider Personen vertrat oder gab es einen klaren Gewinner und Verlierer … Und war der Gewinner jedes Mal die gleiche Person?

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    (8) Hat Ihre Familiendynamik zu dem Wunsch geführt, Gott zu lieben und ihm aus eigenen Beweggründen zu dienen, oder war der Fokus nur auf Leistung, Erfolg und Unterwerfung gerichtet?

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    (9) Hat Ihre Familiendynamik zu Reife in jedem einzelnen Familienmitglied geführt oder zu Schwäche und Abhängigkeit?

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    (10) Hat Ihre Familiendynamik Frieden in Ihrem Haus geschaffen oder hat sie zu Chaos und Angst geführt?

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    (11) Hat Ihre Familiendynamik zu gesunden Beziehungen innerhalb und ausserhalb der Familie geführt oder hat das Muster Probleme in den Beziehungen verursacht?

Weil das Thema Familie so gross ist und so viele Schichten hat, habe ich versucht, einen Überblick darüber zu verschaffen, was ich als die Hauptprobleme des Unterschieds zwischen einer funktionalen und einer dysfunktionalen Familie erachte.

In diesem Artikel habe ich über den Unterschied zwischen „Familien-Regeln, die ein Kind Segnen gegenüber Familien-Regeln die ein Kind beschämen“ geschrieben.
Heute werden wir sehen, was meiner Meinung nach die drei Hauptunterschiede einer a.) dysfunktionalen Familie und einer b.) funktionalen Familie sind.

a.) KontrolleWert basiert auf Perfektionismuskeine offene Kommunikation

b.) FreiheitWert basiert auf dem, was die Einzelnen sind  – Offene Kommunikation 

Kontrolle vs. Freiheit

Kontrolle
Man muss alle Interaktionen, Gefühle und das persönliche Verhalten jederzeit im Griff haben. (Kontrolle ist die wichtigste Verteidigungsstrategie gegen die Gefühle der Scham)
Kontrolle führt zu folgendem Muster:

  • Verleugnung der fünf Freiheiten. (siehe Abschnitt „Freiheit“)
    Dies bedeutet, dass Sie nicht frei wahrnehmen, denken, fühlen, wünschen oder sich vorstellen sollten, wie Sie es tun. (Sie sollten das so tun, wie es das perfektionistische Ideal verlangt). Das Ergebnis ist die Realität von einem
  • Unterdrückten eigenen Willen – dem Verlust der Freiheit. In so einer Familiendynamik besteht kein Interesse am freien Willen des Einzelnen. Der freie Wille muss dem Willen des Familienoberhauptes unterordnet werden. Kontrolle an sich ist ein Produkt des unterdrückten Willens.
    Weil es kein Interesse am freien Willen des Einzelnen gibt, wird eine solche Familie
  • keine Flexibilität an den Tag legen. Regeln sind dazu da, eingehalten zu werden, egal wie profitabel diese Regel für den Einzelnen ist.
Freiheit:

In einer funktionierenden Familie sind folgende fünf Freiheiten erhalten:

  • Wahrnehmen – Die Freiheit zu sehen und zu hören (wahrzunehmen), was hier und jetzt ist, statt was war, wird und sein sollte.
  • Denken und Interpretieren – Die Freiheit, zu denken, was man denkt, und nicht, was man denken sollte.
  • Fühlen – Die Freiheit zu fühlen, was man fühlt, anstatt was man fühlen sollte.
  • Wollen und wählen – Die Freiheit, nach dem zu fragen, was man möchte, anstatt auf die Erlaubnis zu warten.
  • Sich etwas vorstellen/Denken – Die Freiheit, Risiken im Eigeninteresse einzugehen, anstatt sich dafür zu entscheiden, sich zu schützen und immer auf sicher zu spielen.

(von Virgina Satir)

Aufgrund der fünf Freiheiten, die gewahrt werden, kann Vertrauen entstehen.

  • Vertrauen wird dort geschaffen, wo Transparenz und Ehrlichkeit stattfinden können. Vertrauen schafft eine Umgebung, in der Emotionen, Gedanken und Wünsche präzise zum Ausdruck gebracht werden können, ohne sich zu schämen. Vertrauen ist wichtiger als Übereinstimmung.
  • In einer solchen Familie sind alle Beziehungen dialogisch
    Jede Person ist gleichwertig. Gleichwertig zu sein bedeutet nicht, dass alle die gleichen Rechte haben. (Ein Kind hat nicht die gleichen Rechte (und Pflichten) wie ein Erwachsener). Es geht hier darum, dass alle den gleichen Wert und die gleiche Würde haben. Der Entwicklungsstatus der Kinder wird dabei berücksichtigt.
  • Familienmitglieder können die meisten ihrer Bedürfnisse erfüllen. Die Freiheit besteht, Bedürfnisse zu äussern und darin ernst genommen zu werden. Eine funktionelle Familie ermöglicht es allen Mitgliedern, ihre Bedürfnisse auszudrücken und alle werden dabei ernst genommen.
    Wo Freiheit ist, können Familienmitglieder unterschiedlich sein.
  • Die Einzigartigkeit und Einmaligkeit jedes Familienmitgliedes (Kinder und Erwachsene) steht an erster Stelle.
  • Durch die Fokussierung auf Beziehungen statt auf Regeln werden Familienrollen/Familienregeln gewählt und sind flexibel. Sie sind nicht einfach aufgezwungen, sondern offen und flexibel. Man kann spontan sein, ohne Angst vor Scham und Verurteilung.. Das Familiensystem existiert für das individuelle Wohlbefinden.
  • Spass und Lachen sind vorhanden. Die Atmosphäre ist offen, jeder kann atmen. Jeder kann dieses individuelle Wesen sein. In einer solchen Familie wächst, reift jeder einzelne und lernt dabei, weise Entscheidungen zu treffen und das Leben erfolgreich zu gestalten.

Wert basiert auf Perfektionismus vs. Wert basiert auf dem, was die Einzelnen sind

Wert basiert auf Perfektionismus

Sie müssen in allem, was Sie tun oder sagen, immer recht haben. Die Perfektionismus-Regel beinhaltet immer eine auferlegte Messung.Dies führt zu unrealistischen Erwartungen (insbesondere Kinder lernen, sich zu schämen, Kinder zu sein und Bedürfnisse zu haben. Sie lernen, sich wie Erwachsene zu verhalten und verlieren Ihre Kindheit).

Weil der Wert im Perfektionismus liegt, entstehen infolgedessen umformulierte Regeln, an die sich in so einer Dynamik alle halten (Jene, die sich nicht daran halten, werden zum «Sündenbock») :

  • Machen Sie nie einen Fehler – Auch hier offenbaren Fehler das fehlerhafte verletzliche selbst. Einen Fehler einzugestehen bedeutet, sich der Scham zu öffnen. Vertuschen Sie Ihre eigenen Fehler und wenn jemand anderes einen Fehler macht, beschämen Sie ihn. Dadurch entsteht
  • die Schwierigkeit oder gar die Unfähigkeit, um Vergebung zu bitten – denn wenn man um Vergebung bitten muss, offenbart sich sein „fehlerhaftes Selbst“ und verursacht Scham. Um dies zu vermeiden, werden
  • Probleme durch Schuldzuweisungen gelöst –„es kann nicht meine Schuld sein (denn ich muss die Kontrolle haben und ich muss perfekt sein, um geliebt zu werden)“. Wenn das Leben sich abspielt und Unvorhergesehenes eintritt, wird aber genau diese Kontrollregel gebrochen. Schuldzuweisung wird üblicherweise verwendet, um die Illusion von Kontrolle und Perfektion zurückzugewinnen.
  • …  Anerkennung muss verdient werden. Und wenn Sie nicht gut genug sind, gibt es keine Anerkennung, keine Bestätigung. Dies führt zu einem ungesunden Konkurrenzkampf. Jeder wird sich nach Bestätigung und Anerkennung sehnen.

Wert basiert auf dem, was die Einzelnen sind (nicht auf Perfektion).
In einer solchen Familie,

  • Probleme werden angesprochen, anerkannt und gelöst. Es gibt Verantwortlichkeit. Es besteht die Bereitschaft, individuelle Probleme und Herausforderungen als Familie anzuerkennen.
    Sie werden daran arbeiten, diese Probleme zu lösen.
  • Diese Familie kann zugeben, dass sie mit etwas falsch liegt. Sie wissen, dass es in Ordnung ist, ein Problem anzuerkennen, ohne einen Sündenbock finden zu müssen. Deshalb brauchen sie sich selbst oder andere nicht zu beschuldigen. Weil jeder weiss, dass Fehler nicht mit seinem Wert verbunden ist, kann man diese Fehler schnell vergeben und als Lernwerkzeug betrachten.

Keine offene Kommunikation vs. Offene Kommunikation

Keine offene Kommunikation
Sprechen Sie nicht über etwas Wichtiges oder das, was wirklich passiert.
(selbst in einer Situation, von der jeder Kenntnis hat – gibt jeder vor, davon nichts zu wissen).
Dies verbietet den vollen Ausdruck eigener Gefühle, Bedürfnisse oder Verlangen. In einer solchen Familie wollen die Mitglieder ihre wahren Gefühle, ihre tiefsten Gedanken und Träume verbergen.

  • In einer solchen Familie gibt es kein wahres Verständnis, kein tiefes Zuhören, keine authentische Kommunikation. Dies führt zu einem
  • Unvollständigen Vorgang: Die gleichen Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten dauern seit Jahren an. „Sie bleiben verärgert und irritiert, ohne Differenzen zu lösen.“ Auch,
  • Ist es nicht möglich, die Differenzen auszusprechen und eine Lösung zu finden … Weil es keine Möglichkeit gibt, wirklich miteinander über jede einzelne Wahrnehmung zu sprechen. Probleme haben keinen Raum für Diskussionen.
  • Illusion oder Leugnung (Ablehnung der Realität) werden benutzt, um mit der Situation fertig zu werden. In einer solchen Familie sind die Eltern idealisiert. Die Realität wird vermieden, weil sie zu viel Schmerz verursacht. Gefühle werden eingefroren, brechen dann in Extremsituationen aus und sind dann schnell unkontrollierbar.

Offene Kommunikation

Es ist ok, Gedanken und Gefühle auszudrücken.
Die Kommunikation ist transparent und konsistent. Transparente und konsistente Kommunikation ist der Schlüssel zur Etablierung von Trennung und Intimität – transparente Kommunikation erfordert ein Bewusstsein für sich selbst und den anderen sowie gegenseitigen Respekt vor der Würde des anderen.
Deshalb, in einer solchen Familie,

  • Gibt es keinen Grund, in Täuschung oder Leugnung (Ablehnung der Realität) zu leben.
    Sie sind in der Lage, sich der Realität zu stellen – denn es ist OK, zu sehen, dass es ein Problem gibt und sie arbeiten daran, den Konflikt zu lösen. Daher können sie
  • Ihre Differenzen verhandeln – das ist die entscheidende Aufgabe im Prozess der Vertrauensbildung und Intimität. Um Differenzen aushandeln zu können, muss der Wille zur Zusammenarbeit vorhanden sein. Dieser Wunsch schafft die Bereitschaft, fair zu kämpfen.

Sicher haben Sie beim Lesen gemerkt, wie einengend eine dysfunktionale Familie ist und wie freisetzend eine funktionale. Das Schöne an einer gesunden Familie ist, dass mit zunehmender Individualität das Miteinander und damit der Zusammenhalt zu einer starken Einheit wächst. Ist es nicht erstaunlich, dass genau dadurch die Individualität des Einzelnen wächst und gefördert wird? Ich wünsche Ihnen, dass durch die Erkenntnisse aus diesem Beitrag auch Ihre Familie, Gruppe oder Gemeinschaft, neue Höhenflüge erleben kann und einzelne Personen darin auf wunderbare Art in dem, was sie sind, freigesetzt werden können.

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