Das befreite Gewissen – Gedanken zu einem besuchten Vortrag über Erziehung, gehalten von Heinz Etter Teil 2

von | Nov 5, 2018 | Erziehung, Persönliches wachstum | 0 Kommentare

Im letzten Artikel habe ich versucht in einer Zusammenfassung zu beschreiben, was ich von dem besuchten Vortrag mit dem Titel „Das befreite Gewissen“, gehalten von Heinz Etter, mitgenommen habe.

Wie versprochen, möchte ich in diesem Artikel noch einmal darauf zurückkommen und in einem weiteren Beispiel von Heinz Etter aufzeigen, wie wir mit unseren Kindern anders umgehen können.

 

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Was für einen Weg wir einschlagen können, damit unsere Kinder mit einem „befreiten Gewissen“ durchs Leben gehen können. Wie wir das Gewissen unsere Kinder formen können, ohne sie zu beschämen, ohne ihnen dieses Lebensgefühl mit ins Leben zu geben, von: “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit mir”.

  • Wir haben gesehen, dass es ein Gewissen gibt, das geprägt und genährt wird durch die Abwehr von schlechten Gefühlen.
    Eines, das uns anklagt und unser Verhalten manchmal sehr wohl zum Guten lenkt; das aber auch einen diffusen Druck und eine innere Spannung auslöst. Dieses Gewissen meldet sich als Ankläger.
  • Wir haben aber auch gesehen, dass ein „befreites Gewissen“ eines ist, das aus der Liebe genährt wird. Es geht einher mit Empathie. Es heisst auch Verantwortungsgefühl, Fürsorglichkeit und BARMHERZIGKEIT. 

Das Privileg und die Herausforderung, die mir als Autorin dieser Webseite zusteht, ist, dass ich mich in die Themen einarbeiten muss, um einen relevanten Blog post schreiben zu können.  Dies ist auch bei der Zusammenfassung dieses Vortrags den Fall: Ich musste mich damit auseinandersetzen – was ich durch das erneute Hören dieses Vortrags das und Durchlesen meiner Notizen auch tat. Mit dieser Materie im Hinterkopf den Alltag mit meinen Kindern zu leben war spannend. Ich realisierte immer mehr, wie mich dieses Thema persönlich betrifft – sowohl in der Art und Weise, wie ich mit meinen Kindern umgehe, als auch wie ich mich selber verhalte in Situationen, wo diese „innere Spannung“ in mir aufkommen könnte. 

Und das, obwohl unsere Art von Kindererziehung frei von Scham und Schuldzuweisungen ist. Wir arbeiten nie mit Angst und wir streben nach einer guten Bindung zu jedem unserer Kinder. 

Ich stellte jedoch fest, wie ich unseren Kindern dennoch manchmal dieses Gefühl von “Wenn du das tust, was dir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit dir” vermittle.

 Letzte Woche stiess ich auf unseren Vierjährigen, der gerade im Begriff war, mit 2 gefüllten Wassergläsern aus der Küche ins Wohnzimmer zu gehen.

Ich erkannte, dass meine Reaktion, ohne diesen Vortrag, gewesen wäre:

“Was machst du da? Ich will nicht, dass du Wasser aus der Küche holst! Das wird eine Sauerei im ganzen Haus verursachen. Stell die Gläser bitte wieder zurück!” 

Diesmal, weil ich diesen Vortrag im Hinterkopf hatte, verkneifte ich mir diese Reaktion. Stattdessen fragte ich ihn sanft:

“Oh, was hast du mit diesen gefüllten Gläsern vor?”

“Ich möchte meinen beiden älteren Geschwistern (die gerade von der Schule zurückgekommen sind) etwas zu trinken bringen. Sie sind sicher durstig!”

Ich war überrascht, als ich die Motivation hinter seinem Handeln hörte. Und da der Inhalt dieser Gläser nur Wasser war, lobte ich ihn einfach (und aufrichtig) für seine grossartige Idee und liess ihn gehen. Als ich den glücklichen Ausdruck in seinem Gesicht sah, wusste ich, dass ich, anstatt ihm dieses Gefühl zu geben: “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit mir“, ihm die Bestätigung geben konnte:: “Ich habe getan, was mir richtig erschien, und es fühlt sich gut an, ich bin ok!!”

(Im Nachhinein merke ich, dass es noch besser gewesen wäre, wenn ich ihn einfach „gesehen“ hätte. Wenn ich, anstatt ihn zu loben, ihm einfach gesagt hätte

„Wow, so angenehm, wenn man Durst hat und das Wasser wird geliefert… »

oder auch «Ach so, also bist Du also heute ein Kellner… ?!»

Den Grund zu dieser Überlegung finden Sie in diesem Artikel ) 

Aber zurück zum eigentlichen Thema, wie wir unsere Kinder behandeln sollen, wenn wir sie beim Lügen erwischen, wenn sie anderen Dinge wegnehmen (eine Form des Diebstahls), oder wenn sie Gewalt anwenden, um das zu bekommen, was sie wollen.

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Im letzten Artikel sahen wir eine andere Art zu reagieren, wenn zum Beispiel Leo (4) das Auto von Anna (3) wegnimmt und Anna weint.

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Lasst uns für einen Moment über das Lügen reden:

Wir sind uns alle einig: Wenn ein Kind lügt, wäre es praktisch, wenn sein schlechtes Gewissen auftaucht und ihm das Gefühl geben würde: “Ich sollte nicht lügen, ich muss die Wahrheit sagen”!

Betrachten wir nun ein praktisches Beispiel:

Ich frage mein Kind: 

“Hast du das Licht im Badezimmer ausgeschaltet, nachdem du die Toilette benutzt hast?”

Nun, wenn das Kind das Licht nicht ausgeschaltet hat, könnte in ihm folgendes vorgehen:

“Oh, nein, ich habe es nicht gelöscht. Aber wenn ich nein sagen, dann kommt Druck, dann sagt Mama:
“Geh jetzt zurück, lösche das Licht, das ist wichtig, das ist Energieverschwendung” –
oder noch schlimmer: “Ich kann nicht glauben, dass du es schon wieder vergessen hast! Was ist los mit dir?!”
…. Aber wenn ich ja sage, dann ist alles OK!

Und wieso sollte ein Kind da nicht “ja” sagen?!

 Heinz Etter richtete unseren Blick auf das Entwicklungsstadium dieses kleinen Kindes:

 “Wenn ein Kind spielt, und Mama kommt und das Kind fragt, ob es das Licht im Badezimmer ausgeschaltet habe, nachdem es die Toilette benutzt hat, und das Kind sagt “Ja”; dann ist für das Kind alles in Ordnung. Dass da dann später eine Rüge kommt ist im Moment nicht relevant für ein kleines Kind. Denn es lebt im Augenblick, im hier und jetzt, und denkt in diesem Moment einfach ans weiterspielen und daran, dass es sich das Unangenehme vom Hals schaffen möchte.

Wie Sie sehen, tut hier das Kind etwas ganz “richtiges und normales”. Dies ist für den gegenwärtigen Entwicklungsstand eines Kleinkindes normal. Es tut, was ihm richtig erscheint.”

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Aber jetzt kommen wir Erwachsene und nehmen Einfluss. Wir versuchen, das Gewissen eines solchen Kindes zu prägen. Denn: “Ich will meinem Kind beibringen, dass Lügen nie in Ordnung ist!”

Deshalb üben wir Druck aus. Wir schimpfen mit dem Kind:

“Das ist ja unglaublich: Du hast das Licht nicht ausgeschaltet und ausserdem lügst du noch! Schäme dich! Jetzt geh sofort und lösche das Licht, ich bin sehr enttäuscht von dir!”

Nun, man könnte sagen:

“Ich muss so reagieren: Lügen ist sehr schlecht und es ist ein hoher Wert in unserer Familie. Ich möchte meinem Kind zeigen, dass man nicht lügt, und ich will nicht, dass es das Gefühl hat, dass das Lügen in dieser Situation bequem ist!”

Wenn wir jedoch in Form von Beschämung und Schuldzuweisung an unser Kind reagieren, dann ignorieren wir, dass unsere Erwartungen an das Kind über seinen Entwicklungsstand hinausgehen. Auf diese Weise vermitteln wir unserem Kind genau das Gefühl von “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit mir.”

 Nun sagt Heinz Etter nicht, die Lüge einfach zu ignorieren. Das ist nicht sein Punkt. Er will nur klarstellen, dass das Beschämen eines Kindes, das Übermitteln des Gefühls, dass es sehr böse ist, dass seine natürliche Reaktion schamhaft und falsch war, keine Ergebnisse bei der Bildung dieses Gewissens unseres Kindes bringen wird – es wird nur diesen latenten Druck im Leben eines Kindes (und später eines Erwachsenen) erzeugen: “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Etwas stimmt nicht mit mir.” 

Was ist also ein besserer Weg, um auf eine solche Situation zu reagieren? 

Er erklärt, dass ein Kind umso weniger lügt, je weniger Druck, Beschämung, Angst und Schuldzuweisung vorhanden ist. 

Wir können das tun, indem wir einem Kind, das uns wahrheitsgemäss sagte, dass es das Licht im Badezimmer nicht ausgeschaltet hat, sanft sagen:

“Nein? Dann geh und tu es jetzt.”

Oder: “Nein? Ich gehe und tue es für dich.”

Oder: “Oh, also ist das Licht jetzt noch an, aber niemand braucht es”.

 Es wird uns viel eher gelingen, die erwarteten Ergebnisse zu erzielen, wenn wir mit unseren Kindern frei von Druck, Scham, Schuld oder Angst umgehen. 

Ich persönlich liebe es, wie Heinz Etter über Erziehung lehrt. In vielerlei Hinsicht finde ich mich in seinen Beschreibungen der Art und Weise wieder, wie wir Erwachsene mit dem Ziel, gottgefällige, moralisch korrekte Bürger zu erziehen, handeln. Es erinnert mich daran, wie ich von meinen gut gemeinten christlichen Eltern aufgezogen wurde.

Aus meinen Beobachtungen geht hervor, dass seine Beschreibungen, wie man es nicht tun sollte, in vielen (auch gerade christlichen) Familien bis heute verbreitet sind. Natürlich mit dem gut gemeinten Ziel, Kinder zu göttlichen, moralisch korrekten Bürgern heranzuziehen.

Heinz Etter beendete diesen Vortrag mit der Aussage, dass dieses ganze Thema eine geistliche Dimension hat.

“Die Pädagogik ist ein grundlegendes Werkzeug, um die befreiende Liebe Gottes zu vermitteln.  Pädagogik kann aber auch das grundlegende Werkzeug sein um den Kinder ein völlig falsches Gottesbild zu vermitteln – woraus uns dieses latente schlechte Gewissen bis hin zum Erwachsenenalter begleitet”.

Ich stimme zu. Wie viele Kinder wurden verletzt, weil die Pädagogik dazu benutzt wurde, ihr Leben zu beschämen, zu verurteilen und Angst in ihr Leben zu implementieren, um sie dorthin zu bringen, wo wir sie wollten!

Heinz Etter leistet zusammen mit mehreren anderen Experten weltweit hervorragende Arbeit, um uns eine andere Realität zu zeigen, die auf einem soliden Fundament der kindlichen Entwicklung und der Neurowissenschaften basiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese andere Realität uns helfen wird, die Pädagogik als grundlegendes Werkzeug zu nutzen, um die befreiende Liebe Gottes in das Leben unserer Kinder zu übertragen – zusammen mit dem persönlichen Prozess, in unsere eigene Freiheit als Erwachsene zu gehen – indem wir die gleiche Wahrheit über unserem eigenen Leben verstehen.

Im nächsten Artikel werde ich auf das Thema eingehen, wie man das macht. Wie wir, als Erwachsene mit einer abgeschlossenen Kindheit, in diese befreiende Liebe Gottes hinsichtlich unseres eigenen Gewissens eintreten können.

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Der ganze Vortrag ist hier auf DVD erhältlich.

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